Platon Politeia Essay

On By In 1

Inhaltsverzeichnis

Essay 1/5
Worin besteht der Standpunkt des Immoralisten, wie ihn Glaukon vorstellt?

Essay 2/5
Warum braucht ein gerechter Staat Wächter, und wie werden sie erzogen?

Essay 3/5
Wie bestimmt Platons Sokrates die Gerechtigkeit im Staat und im Einzelnen?

Essay 4/5
Was besagt und bedeutet das Höhlengleichnis?

Essay 5/5
Wodurch erklärt sich die besondere Bedeutung der Mathematik?

Universität Hannover Tim Fischer

Philosophisches Seminar 0170-5237631

Im Moore 21 tim.fischer21@gmx.de
30167 Hannover

Matrikelnummer: 2257580

Sommersemester 2004 Studienfächer: Germanistik/Philosophie

Platon: Die „Politeia“ / Der Staat Studiengang: Magister

Dr. Helmut Heit 2. Semester

Platon: Der Staat

(Essay 1/5)

Worin besteht der Standpunkt des Immoralisten, wie ihn Glaukon vorstellt? [Rep., Buch II: 357a-367e]

Der im zweiten Buch[1] der „Politeia“ einsetzende Dialog zwischen Sokrates und Platons beiden Brüdern Glaukon und Adeimantos bildet das Vorgespräch für die Bestimmung der gerechten Staatsprinzipien. Glaukon fordert hier von Sokrates eine überzeugende Darlegung für die Überlegenheit der Gerechtigkeit über die Ungerechtigkeit. Er will erfahren, was das „Wesen der reinen Gerechtigkeit“[2] unabhängig von den sich daraus ergebenden Konsequenzen ausmacht. Dazu schildert Glaukon „ausführlichst das ungerechte Leben“ [358d], indem er als Gegenposition zu Sokrates die eines Immoralisten einnimmt. Sokrates soll ihm diese „übliche Ansicht“[3] von Gerechtigkeit schließlich argumentativ widerlegen.

Zunächst erläutert Glaukon wie Gesetze und Verträge entstanden sind und erklärt, „was das Gesetz befahl, nannte man gesetzlich und gerecht“ [359a]. Gerechtigkeit liegt demnach „in der Mitte zwischen dem höchsten Gut - Unrecht zu tun, ohne Strafe zu leiden - und dem größten Übel - Unrecht zu leiden, ohne sich rächen zu können“ [359a]. Die Menschen seien daher nur aus Angst vor Bestrafung und somit gegen ihren Willen gerecht. Sie unterliegen also der „Ohnmacht“ [359b], Unrecht nicht tun zu können. Glaukon verdeutlicht dies am Beispiel der „Sage nach Gyges“ [359c]. Diese erzählt von einem Ring, mit dessen Hilfe eine Person unsichtbar werden kann und dadurch unbemerkt und nach Belieben „unter den Menschen wandeln könnte wie ein Gott“ [360c]. Glaukon meint, dass sich bei einer solchen Chance und Versuchung sowohl die Gerechten als auch die Ungerechten gleichermaßen unmoralisch verhielten, da sie in dem Bewusstsein agieren würden unbestraft und unerkannt einen Vorteil für sich durchsetzen zu können. Für ihn ist das „ein gewichtiger Beweis dafür, daß man nur unter Zwang, nie also aus eigenem Willen gerecht handle“ [360c].

Als nächstes stellt Glaukon „den Gerechten und Ungerechten in schärfstem Extrem“ [360e] einander gegenüber. Dazu führt er an, dass sich der Ungerechte so verhalten kann, dass er gerecht erscheint, dabei aber dennoch alle Vorteile und Vorzüge eines ungerechten Lebens genießen kann. Der Gerechte jedoch, der um der Gerechtigkeit wegen gerecht ist und nicht nur zum Schein, trägt oftmals „den höchsten Ruf der Ungerechtigkeit, um in der Gerechtigkeit geprüft zu sein“ [361c] und „erleidet dadurch alle möglichen Qualen“[4]. Er geht „durchs Leben [...] im Rufe des Ungerechten, in Wirklichkeit aber gerecht“ [361d]. Er wird schließlich erkennen, „daß es notwendig ist, gerecht nicht sein, sondern scheinen zu wollen“ [361e/362a]. Nach Glaukon und somit auch nach dem Standpunkt eines Immoralisten „schaffen Götter wie Menschen dem Ungerechten ein besseres Leben als dem Gerechten“ [362c].

Nun schaltet sich Adeimantos ein und fordert eine Darlegung von „Wesen und Wirkung der Gerechtigkeit auf die Seele des Menschen“[5]. Er erläutert zunächst, dass Väter und Erzieher ihre Kinder immer wieder dazu ermutigen gerecht zu leben. Dabei loben sie jedoch „nicht die Gerechtigkeit an sich, sondern die Ehren, die ihre Früchte sind“ [363a]. Ihr Lob betrifft hier also mehr die Folgen und Annehmlichkeiten der Gerechtigkeit als ihr Wesen. Die Gerechtigkeit sei „beschwerlich und mühevoll“ [364a] zu erlangen, Ungerechtigkeit aber gewinnbringender, „angenehm und leicht zu erwerben“ [364a]. Adeimantos greift hier Glaukons Standpunkt wieder auf: „Gerechtigkeit zu besitzen, bringt mir - nach all dem Gesagten - keinen Vorteil, vielmehr Plagen und offensichtlichen Schaden; wenn ich hingegen unredlich bin, mich aber mit dem Schein der Gerechtigkeit umgebe, wird mir ein göttliches Leben verheißen“ [365b]. Die Versuchung ein Leben in Schein zu führen ist somit verlockender als ein aufrichtiges Leben anzustreben. „Denn wenn wir gerecht sind, dann bleiben wir von den Göttern zwar ungestraft, aber wir verschmähen auch jeglichen Gewinn aus Ungerechtigkeit“ [366a].

Nach Auffassung von Adeimantos gibt es nur wenige Menschen, die die Gerechtigkeit als „das höchste Gut“ [366c] erkannt haben. Sie lehnen „dank einer fast göttlichen Natur das Unrechttun“ [366c] ab oder enthalten sich diesem „aus tiefer Erkenntnis“ [366c]. Jeder andere „tadelt das Unrecht nur, weil er es nicht ausüben kann, aus Feigheit, Alter oder einer anderen Schwäche“ [366d].

[...]



[1] Sämtliche im Text vorkommenden Zitate sind folgender Ausgabe entnommen:

PLATON: Der Staat (Politeia). Übersetzt und herausgegeben von Karl Vretska. Stuttgart: Reclam Verlag 2003.

[2] Ebd., S. 470 (Der Aufbau des Gesamtwerkes)

[3] Ebd., S. 470 (Der Aufbau des Gesamtwerkes)

[4] Ebd., S. 471 (Der Aufbau des Gesamtwerkes)

[5] Ebd., S. 471 (Der Aufbau des Gesamtwerkes)

Einführung in die praktische Philosophie

In Platons „Politeia“ behauptet Sokrates´ Gesprächspartner Glaukon, dass der Gerechte, der nicht gerecht scheinen, sondern sein will, anderen ungerecht erscheint und sogar gekreuzigt würde. Der Ungerechte hingegen will demnach gerecht scheinen aber ungerecht sein. Seine Ungerechtigkeiten verschleiert er und kann die Vorzüge des Lebens, in einem gerechtem Rufe stehend, genießen.

Diese Annahme mag zunächst widersprüchlich sein, denn die meisten von uns haben schon von klein auf gelernt, was gut und was böse ist. Ziemlich schnell lernten wir auch den Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit kennen und im Einklang mit unserer moralischen Erziehung war es uns schließlich möglich die Gerechtigkeit dem Guten und die Ungerechtigkeit dem Bösen und Schlechten zuzuordnen. Warum also sollte der Gerechte letztlich gestraft werden, wohingegen dem Ungerechten ein besseres Los bestimmt ist? Aus der Konsequenz dieser Annahme entspringt folgende Vermutung: der Ungerechte ist glücklicher (eudaimoner) als der Gerechte.

Sokrates jedoch will diese Vermutung widerlegen. Aber wenn er oder auch Glaukon von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sprechen, so dürfen wir nicht mit naiver Leseart herangehen und beide Begriffe vorbehaltlos mit unserem heutigem Verständnis gleichsetzten. Nein, wir müssen unser wachsames Auge für Sokrates´ Begriffsbestimmung erst schärfen.

Wichtig ist, sich hier noch einmal seine Methode vor Augen zu führen.

Zunächst beabsichtigt er die Gerechtigkeit im Staat zu definieren und anschließend die Gerechtigkeit im Menschen selbst. Er bestimmt die Gerechtigkeit im Staat als ein, in drei Stände gegliedertes System, in welchem jeder seine Aufgabe erfüllt. Jedem der drei Stände kann man eine von Platons Tugenden zuordnen: dem 1. die Weisheit, dem 2. die Tapferkeit und dem 3. die Besonnenheit. Die vierte Tugend Platons ist Tugend des Staates, sprich die Gerechtigkeit.

„Also auch ein gerechter Mann wird von einem Staat in Beziehung auf eben diesen Begriff der Gerechtigkeit nicht verschieden, sondern ihm ähnlich sein.“[1]

Hiermit legt Sokrates eine Analogie von der Gerechtigkeit im Staat zu der Gerechtigkeit im Menschen fest. Wenn die Gerechtigkeit im Staat so zu verstehen ist, dass jeder einzelne seine Aufgabe hat und diese auch verrichtet, so muss Sokrates also annehmen, dass es in jedem Menschen ebenso einzelne Teile gibt, die ihre Aufgabe haben und verrichten. Dabei zielt er auf die Seele des Menschen ab. Der Analogie zum Staat entsprechend, müssen es also drei Seelenteile sein, welche eben den Tugenden der verschiedenen Stände entsprechen: „es steht uns nun zur Genüge fest, dass dieselben Verschiedenheiten wie in der Stadt auch in eines jeden Einzelnen Seele sich zeigen und gleich an Zahl.“[2] Folgen wir nun weiter der Analogie so muss ein Mensch ein gerechter Mensch sein, wenn eben diese drei Teile der Seele (der weise, der tapfere und der besonnene Teil) ihre Aufgabe erledigen. Jeder Seelenteil hat seine eigene Aufgabe und darf nichts Fremdes verrichten; so herrscht Ordnung und Harmonie dreier Teile. Entgegen setzt Sokrates schließlich den Zwiespalt und die Unordnung der Seelenteile eines ungerechten Menschen. Wie wir sehen, stimmt Sokrates Verständnis von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit nicht mit unseren heutigen Vorstellungen überein. Deshalb sollte nun anstelle der Verwirrung zu Beginn Klarheit getreten sein. Der gerechte Mensch unterscheidet sich nicht nur in seiner Harmonie der drei Seelenteile vom ungerechten Menschen, sondern auch darin, dass er nur um der Gerechtigkeit selbst Willen, gerecht ist. Der ungerechte Mensch hingegen, wie bereits erwähnt wurde, bewahrt den Schein der Gerechtigkeit aufgrund von Vorzügen. Aber ist dies schon Grund allein zu sagen, der Ungerechte führe ein glücklicheres Leben, als der Gerechte? Glaukon gibt Sokrates zu Recht die Möglichkeit das Glück des Gerechten zu retten. Folgt man Glaukon, so bezeiht sich das Glück des Menschen auf sein Ansehen, seine Taten und auf die Behandlung, welche er von seinen Mitmenschen erfährt. Letztlich ist dies eine, auf die äußeren Einflüsse bezogene Betrachtungsweise. Müsste Sokrates auf derselben Ebene diskutieren, so fiele es ihm sicherlich schwer, Glaukon zu widerlegen. Außerdem ist hier zu bedenken, welcher Begriff von Glück oder Glückseligkeit (Eudaimonie) verwendet wird. Sicher können wir das Bild von Glück, welches sich auf zufällige Begünstigung bezieht, ausschließen. Auch müssen wir Glaukons Vorschlag verwerfen. Wenn wir Sokrates Beweisführung zu stützen gedenken, sollten wir den Begriff des Glücks immer gemeinsam mit dem Begriff der Gerechtigkeit betrachten.

Denn bei Sokrates scheint Glück unabweisbar mit Gerechtigkeit verflochten zu sein. Aus seiner Definition eines gerechten Menschen erschließt sich nämlich, wenn wir Sokrates folgen, welcher von beiden (der gerechte und der ungerechte) wirklich der Glücklichere ist. Da sich die Gerechtigkeit immer auf „innere Tätigkeiten in Absicht auf sich selbst und das Seinige“[3] bezieht, können wir davon ausgehen, dass auch das Glück nicht an äußere Einflüsse gebunden ist.

Erinnern wir uns: ein gerechter Mensch hält seine Seelenteile in Einklang und Ordnung. Kann dies nicht auch auf den glücklichen Menschen übertragen werden? Schon allein Sokrates Formulierung lässt diese Vermutung zu. Wenn der Mensch „die drei [gemeint sind die drei Seelenteile] in Zusammenstimmung bringt, ordentlich wie die drei Hauptglieder jedes Wohlklangs“[4], so handelt er schließlich gerecht. Man kann wohl sagen, in ihm herrscht nun eine Art von innerer Harmonie. Alle drei Seelenteile sind aufeinander abgestimmt, erledigen ihre Aufgabe und mischen sich nicht in diejenigen des anderen Teils ein. Setzt man nun jene innere Harmonie mit Glück (Eudaimonie) gleich, so ist es Sokrates gelungen, Glaukon zu widerlegen. Denn nun ist verständlich, dass der gerechte Mensch auch der glücklichere ist. Der ungerechte Mensch, so wie Glaukon anfangs behauptet, kann so gar nicht glücklicher als der Gerechte sein, da seine Seelenteile weder Harmonie noch Ordnung aufweisen. Wenn Glaukon auf dieses Verständnis des Glücksbegiffes eingeht, kann er Sokrates nur zustimmen.

[...]



[1] Platon: Politeia, Seite 329; 435b

[2] Platon: Politeia, Seite 349, 441a

[3] Platon: Politeia, Seite 357; 443d

[4] Platon, Politeia, Seite 357. 443d

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